Dienstag, 5. Juli 2011

CampusTV: Zwischen Kamera und Studium

Das Studium ist schon längst kein Lebensabschnitt mehr, den man allein mit drögem Büffeln oder einsamen Nächten in der Universitätsbibliothek füllt. Die zahlreichen Möglichkeiten der Eigengestaltung eines studentischen Lebens reichen vom Auslandsjahr bis hin zum Unisport, von Konzerten des Studentischen Orchesters bis hin zu groß angelegten Demonstrationen und selbst organisierten Lesungen und Vorträgen. Das Angebot ist so groß, dass viele zunächst gar nicht wissen, was sie nun eigentlich tun sollen bzw. was von ihnen erwartet wird, und die Verwirrung ist oft so anhaltend, dass erst einmal nichts getan wird, bis man sich einen gewissen Überblick verschafft hat.
Nun, die Idee des Überblicks ist gerade an der Uni Marburg so eine Sache; denn gerade dann, wenn man glaubt, man habe nun alle Aktivitäten ausgemacht, kommt ein neues Projekt daher, das ebenso aufregend und verlockend klingt, und der Überblick ist dahin und das Chaos wieder da. So mag es dem ein oder anderen gehen, der in diesen Tagen zum ersten Mal vom Uni-Fernsehen hört.
Uni-Fernsehen?
Ja, Uni-Fernsehen. Mit Namen Campus-TV.
Nicht wenige nämlich – mich selbst eingenommen – wussten bis vor kurzem noch nicht einmal, dass es so etwas überhaupt gibt. Grund genug, der Sache auf den Zahn zu fühlen, und zu erfahren, wer und was sich hinter diesem Projekt verstecken.

Ich treffe Markus Voigt und Dominique Bosle, die neue Doppelspitze bei Campus-TV, an einem Mittwochnachmittag in der Phil-Fak. Im Januar 2011 erst haben sie die Führung des studentischen Projekts übernommen. „Es war mehr der Rettungsgedanke als das Wissen, wie es wirklich geht“, sagt Bosle, der im sechsten Semester Jura studiert. „Auf einmal saßen da fünfzehn Menschen, die wir bespaßen mussten“, ergänzt Voigt, seines Zeichens Studierender des Studienganges Kunst, Musik und Medien.
Die Übernahme, wie z.B. der rechtliche Zugriff auf die eigene Website, die Organisation und  der Aufbau eines eigenständigen Teams, verursachten so manche Startschwierigkeiten und verlangten den beiden einen gewissen Ideenreichtum ab.
Doch nach knapp fünf Monaten, einem eigeninitiierten Kamera- und Filmseminar und vielen Stunden der Einführung und Übung, haben die zwei Chefredakteure eine Mannschaft um sich, auf die sie sich verlassen können.

Zehn bis fünfzehn Leute sitzen nun jeden Mittwoch in den Redaktionssitzungen, diskutieren, äußern Ideen und Vorschläge für mögliche Beiträge und tragen zur Realisierung einer Sendung bei. Die meisten von ihnen studieren Kunst, Musik und Medien, aber auch einige Philosophie-, Anthropologie- und Jurastudenten sind dabei. Noch immer kann man dem Team beitreten; damit der nächste Führungswechseln leichter wird, und man nicht noch einmal bei null anfangen muss.
Es ist diese Mischung, von der die monatliche Sendung profitiert: eine halbe Stunde dauert sie und steht auf www.campustv-marburg.de auf Abruf.

Die Kameras, mit denen sie ihre Beiträge filmen, stellt ihnen das HRZ – das Hochschulrechenzentrum – zur Verfügung. Geschnitten werden die selbstgedrehten Kurzfilme ebenfalls an Uni-Computern, dennoch bestehen Bosle und Voigt auf ihrer Eigenständigkeit: „Wir sind kein direktes Projekt der Uni, gehören nicht offiziell dazu. Wir erhalten keine besondere Finanzierung und sind somit auf die Kameras des HRZ angewiesen."
Das CTV-Team kurz vor dem  Hessentagsmarathon
Den Großteil der Zeit frisst die Restproduktion eines Beitrages. Es dauert, bis ein Bericht tatsächlich die Form gefunden hat, die man selbst vor Augen hatte.

Dabei können sie mittlerweile ein buntes Repertoire von Berichten und Sendungen vorweisen, zu denen sowohl Spaßbeiträge, Sonderberichte, Umfragen als auch Interviews mit Oscarpreisträgern (im Zuge des Marburger Kamerapreises) gehören.
Auf diese Art hat das Team um Bosle und Voigt recht erfolgreich auf sich aufmerksam gemacht, denn beim diesjährigen Hessentag vom 10.-19. Juni 2011 in Oberursel kommt den Marburger Studenten eine besondere Rolle zu: „Wir dokumentieren die Veranstaltung im Auftrag des Hessentagsradio und sind jeden Tag live vor Ort.“ Interviews mit Badesalz, Nächte im Pfadfinderheim und zehn Tage Berichterstattung stehen ihnen bevor, dennoch wirken sie bei der anschließenden Redaktionssitzung in einem der Phil-Fak-Türme alles andere als angespannt.
In langsam wachsender Runde wird der Hessentag genauestens geplant: Ein Ü-Wagen des Marburger Radios Unerhört steht den Studenten in Oberursel zur Verfügung, Listen gehen herum, Beiträge und Ideen werden geplant und letzte Nachfragen gestellt. Zwei Redaktionssitzungen werden sie pro Tag abhalten, die Produktion von Kurzfilmen, Berichten und Interviews läuft ebenfalls dort vom Band. 
Stressig wird es sicherlich, - aber das Ergebnis kann sich sehen lassen. 

Samstag, 2. Juli 2011

Die Phil-Fak. Von Innen und Außen.

Der Mensch ist komisch: als vielleicht einziges Wesen unter dieser Sonne verfügt er über die Fähigkeit, schöne Dinge von (vermutet) ästhetischem Wert zu erschaffen, die auch noch Nutzen zur eigenen Verwendung bringen.*

Und dann steht in Marburg, dieser puppenhäusigen Bilderbuchstadt - mit einem Schloss und einer aus Fachwerk sich türmenden Oberstadt, - ein in sich verflochtenes Konstrukt, das mit scheinbar vergilbter Farbe der gegenüberliegenden Idylle vom Ortenberg aus trotzt. 

Was ist da los? 

Hingekleckert: Die Phil-Fak
Die Philosophische Fakultät hinter der Stadtautobahn mit ihren Türmen und der nahe liegenden Universitätsbibliothek versprüht schon von außen einen gewissen morbiden Charme, dem manch einer schwer erliegt. Wer glaubt, eine Steigerung von architektonischen Missverständnissen sei nicht möglich, der war wohl noch nie im Innern der geisteswissenschaftlichen Festung.
Umso verwunderlicher erscheint es daher, dass dieser einer Vielen fremden Auffassung von Schönheit nach empfundene Bau, bereits so sehr begeisterte, dass die Marburger Phil-Fak sogar schon Preise einheimste, Architektur-Preise. 

Die hier angedeuteten Preise seien damit genug in Frage gestellt worden, und die  Baumaßnahmen zu bedauern, die zur Entstehung der Phil-Fak führten, liegt nicht in den Aufgaben meiner Generation. Lehrjahre sind keine Herrenjahre, und der Mensch nimmt, was er kriegen kann. Als Student darf man keine hohen Erwartungen haben, und letztlich ist es auch egal, in welchem Raum man sitzt, solange der Kopf raucht.  

Doch an dieser Stelle könnte man sich fragen, weshalb gerade die Philosophische Fakultät so abgenutzt aussieht; in naturwissenschaftlichen Instituten ist das Hantieren mit Säuren, Basen und Giften ein alltägliches Procedere, das ganz selbstverständlich mit der Zeit seine Spuren in Laboren hinterlässt. 
Da läuft es schon mal von den Wänden, und das ist auch nicht weiter schlimm.  

Schöner ? Philipps Schloss im Sonnenuntergang
Aber an einem Ort, an dem einzig der Geist schaltet und waltet, da, wo das Wirken der Synapsen sich nicht abzeichnet, sondern einzig als bloßer Verdacht in der Luft liegt, da, wo sich zahlreiche Menschen versammeln, die alle diesen leisen Verdacht teilen, - wieso klemmen gerade dort Türen und Fenster, wieso müffeln gerade dort die Sitzkissen und wieso ist gerade dort die Luft so stickig, wenn doch das ganze Haus aus Glas und Fenstern besteht? 

Wieso hinterlässt der homo sapiens sapiens gerade am Ort der doch so stillschweigend geschehenden sapientia die deutlichsten Spuren seiner Existenz?

Sind wir tatsächlich so sehr in Gedanken, dass wir das Um-uns gänzlich vergessen? Oder haben wir Angst, in all unserer Geisteswissenschaft andernfalls nicht wahrgenommen zu werden? 
Denn tatsächlich sieht das einst gerühmte Gebäude von außen so aus, als hätte ein zu groß geratenes Kind ein wenig zu lange zufällig herumliegende Duplobausteine mit Säure bekleckert, und schließlich keine Lust mehr gehabt, damit zu spielen; liegen blieb die Phil-Fak. 

Über einen gewissen - zugegeben leicht versteckten - Charme verfügt sie ja; denn wer bewanderte ihre abgelaufenen Korridore und stillen Treppenhäuser nicht anfangs mit einer leisen Faszination und dem still keimenden Wissen, dass hier Großes geschieht? 
Der A-Turm: Potentielles Weltkulturerbe ?
Noch immer findet man sich leicht verwundert über die ehrliche Hässlichkeit und den gleichzeitigen Zeitgeist, der aus diesem Gebäude spricht.  
Und doch ist das Schloss schöner. 
Zugegeben, wer kann sich schon mit dem Schloss messen? 

Die Phil-Fak sicher nicht; und doch ist die Aussicht - von allen Türmen der philosophischen Feste - mindestens genau so gut wie der Ausblick vom Schloss, da man über einen Ausblick auf das Schloss verfügt. 
Aber das war es dann auch schon. 
Wie man es drehen und wenden will, man verfängt sich in merkwürdigen Aussagen. Gerüchte, die Phil-Fak werde abgerissen, kursieren bereits seit einiger Zeit. Der Mensch ist drastisch in seinen Maßnahmen. 
Was ihm nicht gefällt, muss weg. 

Die Phil-Fak muss nicht weg; sicherlich ist sie kein Augenschmaus, aber was erwarten wir von dem Ort, an dem wir studieren? Und woher wissen wir jetzt, was wir in zukünftiger Zeit als schön empfinden werden? Wer weiß, vielleicht schafft es die Phil-Fak noch einmal in die Liste des Unesco-Weltkulturerbes, wenn wir sie stehen lassen. Vielleicht aber auch nicht. Was bringt es, etwas Neues zu erbauen, das in vielleicht dreißig Jahren von einem Blogger als "unschön" tituliert und im Zuge von Erneuerungsmaßnahmen abgerissen wird. Wer weiß, - vielleicht schafft es die Phil-Fak noch einmal in die Liste des Unesco-Weltkulturerbes, wenn sie nur lange genug steht. Vielleicht schafft sie es aber auch dann nicht. 
Sie ist sicherlich kein Marburger Wahrzeichen, und doch ein - möglicherweise erzwungener - Pilgerort für viele. Sie ist ein Geheimtipp - welcher Art auch immer. 
Aber bleiben kann sie ruhig, wenn jemand nur die Fenster repariert.  


* Ich bin kein Biologe und möchte mich mit dieser Aussage auch nicht zu sehr zu weit aus dem Fenster lehnen. Sollte ich Unrecht haben, so sei mir vergeben. Doch ist der Mensch doch eindeutig in der Lage, Dinge von Wert und Nutzen zu schaffen, und auch noch gleichzeitig über ihre Schönheit entscheiden zu können. 

Montag, 27. Juni 2011

Liebes Efruli ...

... jetzt wohnen wir schon fast ein Jahr Tür an Tür. Fast ein Jahr ist vergangen, seitdem ich hier nach Marburg kam. Es kommt mir kürzer und länger zugleich vor. 

Jede Nacht scheint dein blaues Licht in mein dunkles Zimmer; und jede Nacht sieht es aus, als lande gleich ein Ufo, mitten in Weidenhausen. Selbst eine großzügige Jalousie aus einem schwedischen Möbelhaus kann mich nicht vor deinen Strahlen schützen. Schon ab 17.00 Uhr – und in letzter Zeit sogar ab Mittag – verwöhnst du mich mit orientalischen Klängen, und deine Existenz ist nicht zu leugnen.
Der Akustik unseres Hinterhofes ist es zu verdanken, dass ich stiller und machtloser Teilhaber aller Gespräche deiner Gäste werde, denn wie fremde Melodien steigen Wortfetzen zu mir empor und fügen sich, gemischt mit den Klängen fernöstlicher Flöten, Lauten und Gesänge, zu einem Konzert, dessen imposante Darbietung mich oft am Schlafe hindert. 
Dolby-Surround war gestern. 

Deine Öffnungszeiten, liebes Efruli, sind ganz erstaunlich. Von Sonntag bis Donnerstag bleibst du - und ich mit dir - manchmal bis ein Uhr wach. Am Wochenende hältst du es sogar bis vier Uhr morgens aus, und manchmal glaube ich, dass deine Gäste ihren Heimweg nicht durch deinen Hinterhof, sondern vorbei an meinem Bett antreten, - was freilich ein Umweg ist. 

Efruli, bitte, verstehe mich nicht falsch. 
Ich bin Kulturwissenschaftlerin, und ich weiß um die Bedeutung der Verschiedenheit der Kulturen, ich weiß, wie wichtig es ist, anders zu sein, und es geht mir nicht ums Mosern oder ums Nörgeln. 
Nein, Efruli, ich bin nicht anspruchsvoll, und lärmempfindlich bin ich auch nicht, denn ich komme aus einer Gegend, in der Straßengeräusche alltäglich und allnächtlich sind, und man die Autobahn auch noch von Weitem hört; beinahe pingelig mag ich dir erscheinen, doch schlafen kann ich nicht, wenn du jeden Abend eine Party gibst. 
Ich will dir dein Dasein gar nicht madig reden, du sollst deine Gäste beherbergen so wie auch zuvor, denn sie kommen in Scharen, denn sie fühlen sich wohl. Aber ich, ich brauche dringend Schlaf, gerade jetzt, wo es doch ans Eingemachte geht und Prüfungen mich jagen.

Gerne wäre ich so wie du, denn einen Ruhetag hast du nicht und brauchst du nicht.  
Aber ich, liebes Efruli, ich brauche dringend einen. 

Mittwoch, 22. Juni 2011

Es strahlt die Küche zur Prüfungszeit

Der Mensch neigt zu Übertreibungen. Wird ein Kind eingeschult, hört es vermutlich oft von Erwachsenen jenen melancholiedurchtränkten Ausspruch, - nämlich dass die Schulzeit die schönste Zeit im Leben sei. 
Sollte dieses Kind sich etwa dreizehn Jahre später dazu entscheiden, ein Studium an einer Universität zu beginnen, so wird es diesen Spruch noch einmal hören. Und dieses Mal meinen es wirklich alle so. 

Studium. 
Das bedeutet Freiheit, Eigenständigkeit und Spaß; es bedeutet  "Nach-Hause-kommen-wann-ich-will", "keine-GEZ-Gebühren-zahlen", - aber auch: "Leerer-Magen-leerer-Kühlschrank."
Es sind diese kleinen Überraschungen, die die Eigenständigkeit so mit sich bringt, und die man so leicht vergisst. 
In diesen eher bitteren Momenten des Studentendaseins scheint es uns beinahe so, als hätten früher Dutzende fleißiger Heinzelmännchen bzw. eine Mutter alles mit Links - still und im Verborgenen - gemacht, was uns nun den letzten Nerv raubt: Müll rausbringen, Rechnungen zahlen, Lebensmittel einkaufen, Wäsche waschen (und Temperaturen finden, bei denen nicht alle T-Shirts mit einem Male rosarote oder himmelblaue Quallenabdrücke in Batiktechnik vorzeigen) oder putzen. 
In den Alltagsdisziplinen müssen wir uns erst noch üben, es braucht seine Zeit. 

Der Mensch, ein paradoxes Wesen, nimmt sich diese Zeit am liebsten genau dann, wenn sie ihm kaum zur Verfügung steht. - Dass nämlich die Sauberkeit in der studentischen Bleibe steigt, sobald es ans Universitär-Eingemachte geht, ist tatsächlich kein schlechter Scherz, sondern ein Phänomen, das seit geraumer Zeit durch Generation von Studenten bestätigt wird. 
In Zeiten der Krise verändert sich der Mensch; und Dinge, zu denen wir uns zuvor nur mit Mühe aufraffen konnten, gelingen mit einem Male aus der Not, eine andere Pflicht zumindest zeitweise zu vergessen. Viel größer ist daher in diesen Tagen die Wahrscheinlichkeit, einen Putzfimmel zu erleiden als einen Lern-Kollaps, und in der Hoffnung, Arbeit sinnvoll zu umgehen, nehmen wir jede andere Arbeit in Kauf. 

Wir staunen. 
Denn scheinbar ist mit einem Mal die Zeit, die wir vorher mit recht sinnfreien Aktionen verbrachten, gefüllt mit ausschließlich Sinnvollem. An dieser Stelle kann man schon romantisch werden und sich ausdenken, wie man die Zeit nach der Prüfungsphase nutzen wird, was alles möglich wäre, jetzt, da man die Dimension der Zeit viel besser versteht, - doch an dieser Stelle sei jegliche Illusion genommen: wir fallen gern zurück in alte Muster. Sicher sind wir lernfähig und emsig, doch mit Veränderungen tun wir uns schwer, wenn sie nicht erzwungen werden. 
Und so strahlt die Küche doch meist nur zur Prüfungszeit.

Donnerstag, 2. Juni 2011

Homo homini aenigma

Die Feiertagspanik 

Der Mensch ist ein Jäger, ein Sammler, ein Wesen, das vorausdenkt und hortet, - ganz besonders an Feiertagen ...
Da überkommt uns nämlich diese Panik, dass wir einen ganzen Tag lang nicht in der Lage sein werden, Nahrung einzukaufen; und irgendwie macht uns das ganz wirr im Kopf. 
Das, was uns jede Woche in Form eines langweiligen Sonntags erscheint, bringt uns unter der Woche so durcheinander, dass es zum Futtereklat kommt; und dann bilden sich elend lange Schlangen von hortenden Menschen dort, wo der konsumierende Bürger eigentlich ganz locker an die Aufbackbretzeln kommen soll.  
Der homo oeconomicus auf Feiertagsstreifzug
Dabei hat auch ein ganz normaler Feiertag wie der heutige recht legitime vierundzwanzig Stunden, die meistens schneller vergehen, als es uns lieb ist - und wir werden uns wundern, wie schnell die Türen der Supermärkte uns wieder offen stehen. 

Der Mensch, in all seiner Fortschrittlichkeit und Mobilität, - das Wesen, das bereits die Welt und auch den Mond bereiste - wird nervös, verfällt in alte Verhaltensmuster und hortet wie ein Neandertaler seine Brötchen, sobald ein Feiertag den gewöhnlichen Wochenverlauf durchkreuzt. Bis zu zwanzig Kilo Fleisch werden da gekauft, volle Einkaufswagen reihen sich endlos aneinander und Wartezeiten von mehr als fünfzehn Minuten werden in Kauf genommen, in denen uns noch etliche Dinge einfallen, die wir vergessen haben.

Was uns beruhigt ist die Tatsache, dass es sich bei der plötzlichen Auslebung unserer homo-oeconomicus-Eigenschaften um ein Massenphänomen handelt. Sicherlich ist diese Beruhigung relativ, denn wenn wir fünfzehn Minuten für zwei Liter Milch aufbringen müssen, dann stört es uns an dieser Stelle wieder recht gewaltig, dass sich fünfzig andere Menschen ebenfalls ihrer Feiertagspanik hingaben.  

Was ist los mit uns, dass wir so schnell rot - oder schwarz? - sehen?  
Es mag ein verborgener Trieb der Urzeit sein, vielleicht aber auch ein Verhalten, das erst im 21. Jahrhundert möglich bzw. ermöglicht wurde. "Wild" ist die Angelegenheit der Feiertagspanik keineswegs - und doch in höchstem Grade verwunderlich. 
Man bleibt sich selbst das größte Rätsel.

Montag, 30. Mai 2011

Die Freiheit, die wir haben ...

… führt uns nach Treysa

Es gibt die mannigfaltigsten Definitionen von Freiheit, - wobei es schon an sich ein recht ulkiger Gedanke ist, den Begriff der Freiheit zu definieren, wenn diese doch gerade alle Einschränkungen und Auflagen auszuschließen vermag - und ich möchte mich gar nicht lange mit dieser recht müßigen Frage der Definition aufhalten; viel eher interessieren an dieser Stelle die Teilbereiche des großen Wortes, die nämlich so viel leichter abgesteckt werden können.

Das Studentenleben an sich bedeutet für viele Menschen Freiheit; es ist dann ein (meist) vergangener Lebensabschnitt, an den man sich gern zurück erinnert, weil man so wenige Verpflichtungen und ebenso viele Freiheiten hatte. Studenten wiederum erinnern sich bei Zeiten gern an die Schulzeit, weil es dort Menschen gab, die ihnen ganz klar sagten, was zu tun sei, und andere Menschen gab, die ihre Wäsche wuschen und für sie putzten (manche Menschen erfüllen sogar alle drei Disziplinen). Schüler hingegen erinnern sich gerade in den ersten Jahren auf einer höheren Schule gerne an ihre Kindheit zurück, die tatsächlich noch nicht allzu lange her liegt, und dennoch doch so viel mehr an Freiheiten bot.  
Treysa Hbf: Freiheit bedeutet, auch wieder fahren zu können

Doch zurück zu den Teilbereichen.
Ein Teilbereich von Freiheit findet sich zum Beispiel im Studententicket wieder: Wir können fahren, wohin wir wollen. Natürlich nicht ganz, denn irgendwo hört der Geltungsbereich des Studententickets auf, und auch wir – ob Mathematiker, Philosoph oder Biologe – müssen zahlen, sobald wir uns außerhalb Hessens bewegen. 

Dass Freiheiten an sich viel zu selten genutzt werden, und dass man die Gegend vor seiner Haustür oft am wenigsten kennt, veranlasste uns am vergangenen Freitag zu einem experimentellen Ausflug. Es war einer der berühmten Trips, bei denen man über seinen Tellerrand guckt, - und vielleicht auch nur, um ein paar übrig gebliebene Kuchenkrümel zu entdecken; in Nordrheinwestfalen etwa hält sich seit einiger Zeit das hartnäckige Gerücht, die Stadt Bielefeld existiere nicht, - in studentischen Kreisen entstand recht schnell ein ähnliches Sagen um die Kleinstadt Treysa. 
Grund genug für uns, dort hinzufahren.

Etwa dreißig Minuten braucht man, um nach Treysa zu gelangen; auf der Fahrt streicht man recht malerische Orte wie Cölbe, Bürgeln oder Anzefahr. Die Gegend, die sich Schwalm-Eder-Kreis nennt, zählt viele kleine Dörfer und Ortschaften, von denen Treysa mit etwa 20 000 Einwohnern die größte ist. 
Häuser wie in Marburg, nur nicht in Marburg
Das alles wissen wir jedoch nicht, während wir dorthin fahren. Genau genommen können selbst wir rückblickend nicht mehr sagen, was wir uns von Treysa erhofften oder was wir erwarteten; womöglich war es einfach der - für einen Ethnologen nicht ungewöhnlichen - Wunsch, einen weißen Flecken auf unserer Deutschlandkarte auszufüllen. 

Als wir in Treysa ankommen, beginnt es zu regnen. Wir überprüfen zunächst die Rückfahrtmöglichkeiten. Das klingt böse, doch so groß das Forschungsinteresse, so gering ist doch der Wunsch, hier zu übernachten. 
In einer Mischung aus Faszination und Enttäuschung wandern wir die Hauptstraße entlang, passieren mindestens fünf (!) Bäcker auf 200 m und lassen uns treiben. Wir entdecken Eisdielen und schlendern durch kleine Gassen. Wenn man nicht genau darüber nachdenkt, ist es wie in Marburg. 
Schließlich erklimmen wir einen kleinen Hügel, denn um sich einen Überblick zu verschaffen, ist ein Ausblick oft recht hilfreich. 
Wir sehen Bahntrassen und grüne Berge. 
Nach etwa 1 1/2 Stunden verlassen wir die kleine Stadt; wir wissen jetzt, dass es sie wirklich gibt.

Schön ist der Hafen in Marburg

"Ein Hafen ist ein natürlich oder als Hafenanlage künstlich geschützter Uferbereich für die Schifffahrt, meist durch ein System von Hafenbecken, Anlegestellen, Kais, Hafenmauern und Molen gebildet. 
Echter Marburger: Seemannsbart und Fisch im Arm
Man unterscheidet zwischen Schutzhafen oder Heimathafen (engl. harbour), und Fährhafen oder Handelshafen (engl. port). Wichtigere Häfen haben eigene Verkehrsanbindungen, zum Beispiel einen Eisenbahnanschluss, der bei großen Anlagen einen eigenen Hafenbahnhof besitzt, oder eine eigene Autobahnanbindung. Die Nutzung der Hafenanlagen ist in der Regel entgeltlich und wird im Hafentarif berechnet."

… heißt es in einem bekannten Online-Lexikon. Dieser Definition folgend, gerät man leicht ins Grübeln, wenn man an das vergangene Wochenende und sein Motto denkt. Sicherlich, Definitionen lassen, - eben weil definiert - nicht sonderlich viel Platz für Ausführungen oder Sonderfälle. Doch selbst, wenn man beide Augen zudrückt und wohlwollend die Lahn betrachtet, selbst dann wird man zu dem Schluss kommen, dass diese Stadt nicht über einen Hafen oder ein Hafenbecken verfügt.

Ich sehe ein, dass Flüsse immer schon ein wichtiger Transportweg für Waren und fahrende Händler waren, weshalb ich die Assoziation mit einem Hafen durchaus nachvollziehen kann, aber pingelig wie der Deutsche nun mal ist, möchte ich an dieser Stelle anmerken, dass die Lahn erst ab der Höhe Lahnau und Wetzlar-Dutenhofen als Bundeswasserstraße ausgewiesen ist. 
Karibik in Hessen: Marburg-Beach
Nun muss man dagegen halten, dass das Hafenfest nicht einfach so aus dem Boden schoss; nein, es gibt eine Vorgeschichte, die nämlich im letzten Jahr ihre Wurzeln hat: unter dem Motto „Marburg an die Lahn“ fand es schon im vergangenen Jahr statt und aufgrund der hohen Beliebtheit erfuhr es nun am 28. Und 29. Mai 2011 ein Revival.
Und schön war es ja auch; kleine Buden und Stände reihten sich um die Luisa-Haeuser-Brücke, an denen man Fischbrötchen (!) und Crêpes erwerben konnte; auf der Flussbühne und entlang der Lahn boten sich die verschiedensten (interaktiven) Möglichkeiten zur Unterhaltung, und für alle, denen selbst das zu viel Eigenbeteiligung war, gab es ja noch den kurzen Abschnitt Marburg-Beach mit echten Palmen, Liegestühlen und falschem Sand. 

Doch das Programm kann sich in diesen Tagen tatsächlich sehen lassen; schon ab 14.oo Uhr kann man sich entlang der Lahn treiben lassen und musikalische wie kreative Höhepunkte erleben. Die Flut von Besuchern erscheint allerdings erst gegen Abend, als eine Beatles-Coverband (ReCartney) mit original Pilzköpfen die Songs der vier Liverpooler zum Besten gibt. Jung und alt schunkeln dabei wie es sich der Nichthafenbewohner von einem echten Hafenleben vorstellt. 
Ganz entgegen der Shanty-Kultur tritt die Ska- und Reggaeband Jaya the Cat ab halb zehn auf der Flussbühne auf, zu deren entspannten Tönen es einige Menschen sogar ins Marburger Hafenbecken zieht. Zum Glück gibt es für jene Wasserratten die Besatzung der DLRG, die jene Wagemutigen recht bald an Bord ziehen.

Ein lustiger Moderator in Kapitänskostüm unterhält dabei die Massen mit feschen Sprüchen, die das studentische Publikum zu Buh-rufen animiert. Der Captain kontert schlagfertig: „Ich heiße Bo, nicht Buh“ – und eine noch größere Woge von Zurufen lässt ihn nach Luft ringen.
Kurz vor Mitternacht taucht schließlich das Feuertheater Funkenschlag auf und verzaubert die Massen, die auf den Brücken und den Lahnterrassen oder auch am Ufer stehen. 
Am folgenden Sonntag weckt die Jazz-Combo The Swinging Wodka Lemon Gang die Anwohner des Erlenrings. Poetry Slam und Ruhrpott-Rapper Fard folgen.

Jaya the Cat: Samstagabend in Marburg
Rückblickend war das Marburger Hafenfest tatsächlich eine schöne Idee; und dennoch stößt man sich leicht an dem Begriff des Hafens, - nicht etwa an dem Einfall, ein Fest zu feiern, nein, den Spaß will ich hier niemandem verbieten. Doch die Sache mit dem Hafen hängt mir stark nach.. Es ist verständlich, wenn der REWE italienische oder spanische Wochen hat; aber einen Hafen ans Flussufer zu quetschen und eine Marburger Seemannsidentität zu bilden, halte ich an dieser Stelle für übertrieben. Wasserstraße hin oder her, der nächste Hafen – und sei es nur der Duisburger Binnenhafen – ist mehr als 270 km entfernt, ganze 400 km trennen uns von Hamburg.
Ein einfaches Lahnfest hätte es auch getan, und den Marburger Lokalpatriotismus gestärkt (wenn das denn der Gedanke war, der dahinter steckte). Trotz allen Einwänden bleibt jedoch zum Schluss zu sagen: eine wirklich schöne Idee.